Alkoholismus - Umgang mit Gefühlen

von Hans Strieder (Theologe und Psychotherapeut)


Wenn wir uns mit Alkoholismus befassen, dann sagen wir Alkoholismus ist eine Krankheit. Diese Krankheit bezieht sich auf den Körper, z.B. das Zittern, das Schwitzen usw. und auf die Folgeerkrankungen, wie Herz-Kreislaufstörungen, Hepatitis, Bauchspeicheldrüsen-Entzündung und vieles mehr. Sie bezieht sich auf den Verstand. Du hast zum Schluss gemerkt, dass du nicht mehr richtig denken konntest. Du machtest diese beschämende Erfahrung von Black Outs, du konntest dich plötzlich an nichts mehr erinnern, was los ist, und glaubtest vielleicht, du verlierst allmählich den Verstand.

Die Krankheit Alkoholismus beeinträchtigt nicht nur Körper und Verstand, sondern ganz wesentlich auch die Gefühle, und zwar so, dass das, was Du mit dem Alkohol an positiven Gefühlen, Befindlichkeiten oder Entspannung erreichen wolltest, am Ende ins Gegenteil umschlägt. Dein Weg, mit Deinen Gefühlen nicht angemessen umgehen zu können, war einer der Gründe für dein Trinken; einer, es gibt viele! Du wolltest Dich einfach immer NUR gut fühlen. Nicht nur Alkoholiker neigen dazu, sich immer wohl fühlen zu wollen. Ein Glas Wein, ein Bierchen oder ein Psychopharmakon - und schon fühlt man sich besser - Schmerz, Frust, Arger verfliegen. Diese Erfahrung hat jeder schon gemacht. Warum soll ich also auf etwas verzichten, was gut tut. Ich will diese - anfangs durchaus positive - erleichternde und wohltuende Wirkung immer wieder erleben.

Auch habe ich - wie ich meine - meine Gefühle und meinen Konsum im Griff und meine dass ich sie kontrollieren kann. Ich fahre also fort, Alkohol oder Tabletten zu konsumieren.

Wir Menschen machen das, was uns gut tut und wollen es immer wieder haben. Wenn du dich schlecht gefühlt hast, dann hast du was getrunken, und siehe da, du fühltest dich besser. Prima, eine tolle Sache, du warst irgendwie Herr deiner Gefühle. Das ging jahre-lang so, d.h. schlechtes Gefühl: Tabletten oder Alkohol = gutes Gefühl.

 

Der manipulative Weg

Doch irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem sich die wohltuende Wirkung nicht mehr so recht einstellt, obwohl man etwas zu sich genommen und die Dosis zudem laufend erhöht hat. Du hast Dich hinterher zwar auch noch besser gefühlt, aber dann gab es sozusagen einen Rückschlag, und am Ende hast du Dich schlechter gefühlt. Dennoch hast Du weiter konsumiert.

Und dann kommt die letzte Phase Deiner „Alkoholkarriere“: Du fühlst dich hundeelend. Du nimmst Alkohol oder Tabletten und fühlst Dich nur noch schlechter. Der Sprung vom Schlechtfühlen zur positiven, wohltuenden Wirkung kommt gar nicht mehr zustande. Ja, das Merkwürdige passiert, dass jemand, der Alkohol gegen seine Depressionen eingesetzt hat, jetzt dadurch immer depressiver wird. Und jemand, der Schlafmittel genommen hat - ursprünglich, weil er nicht schlafen konnte - kann wegen seines gestiegenen Konsums letztendlich überhaupt nicht mehr schlafen.

Anders ausgedrückt: Was einmal so gut geklappt hat (ein Mittel nehmen, und schon fühlt man sich besser) funktioniert am Ende einer „Suchtkarriere“ nicht mehr. Im Gegenteil! Man fühlt sich immer mieser und zuletzt hundeelend. Der bisherige Umgang mit den negativen Gefühlen - ich nenne ihn den „manipulativen Weg“ - war also falsch.

Der konstruktive Weg

So stellt sich nun die Frage, wie man mit seinen Gefühlen anders oder besser umgehen kann. Ich möchte eine Richtung weisen, die ich den „konstruktiven Weg“ nenne. Dieser ist allerdings viel anstrengender. Denn eine Tablette zu schlucken oder Alkohol zu trinken, ist ja nicht besonders beschwerlich. Die Frage ist jetzt, wie kannst du anders mit deinen Gefühlen umgehen. Und da möchte ich dir einen Weg weisen, ich nenne ihn den konstruktiven Weg.

1. Wahrnehmen
Der erste Schritt beim konstruktiven Umgang mit Gefühlen ist das Wahrnehmen. Zunächst nehme ich meine Gefühle nur wahr, tue sonst gar nichts. Ich blicke in mich hinein: Was fühle ich im Augenblick? Welche Gefühle sind da? Bei vielen Patienten, die ich als Suchttherapeut betreut habe, stellte sich bereits hier eine Abwehrhaltung ein. Sie wollten sich zunächst nicht darauf einlassen, die Gefühle wahrzunehmen, die sie nicht gerne hatten, also unangenehme Gefühle, wie beispielsweise Trauer, Angst und Wut.

Ich erinnere mich da an meine Ausbildung in Amerika. Da gab es den berühmten „hot Seat“, den „heißen Stuhl“, eine Art von Gruppen-Feedback am neunten Tag in der Gruppe. Das waren damals in Hazelden 18 Leute (Unit). Die Teilnehmer haben dann zu dem- jenigen, der auf dem „heißen Stuhl“' saß (jeder kam einmal an die Reihe), gesagt, was ihnen an ihm nicht gefiel und was er ihrer Meinung nach an sich verändern sollte. Das waren recht kritische Rückmeldungen. Ich erinnere mich, dass mir ein junger Mann eine sehr unangenehme Frage gestellt hat. Ich weiß nicht mehr genau, was es war, auf jeden Fall hat sie mich sehr getroffen. Dann sagte der Counselor zu mir: „Franz, are you angry (Franz, bist du verärgert)?” - Ich bin doch nicht ärgerlich, wieso soll ich ärgerlich sein, verdammt noch einmal. Und dann wieder: „Franz, are you angry?” - „Ja, ja, ich bin ärgerlich, ärgerlich auf den jungen Kerl, dass der mich so etwas fragt!”

Aber zunächst einmal wollte ich das einfach nicht wahrhaben. Ein viel Älterer hat doch nicht ärgerlich zu sein, wenn er noch dazu Priester ist. Um Gottes Willen, der darf doch nicht ärgerlich werden, er muss doch immer freundlich sein. Doch auch Priester haben Gefühle, und manchmal sind es eben auch ärgerliche und weiß der Himmel was. Das habe ich mir damals noch nicht erlaubt.

Dann natürlich kamen auch die Aussagen was ihnen an ihm gefiel und was ich als meine Qualitäten wahren sollte. Diese Rückmeldungen lösten natürlich eine positive Energie in mir aus. (Im Gegensatz zum ersten Fall). Sie erzeugten Freude. Aber alles erzeugte auch die Tatsache, dass ich mich selbst nicht so gesehen habe, wie mich andere sehen. Das war für mich eine besondere Wahrnehmung.

Also, der erste Schritt ist das Wahrnehmen - meine Gefühle wahrnehmen, so wie sie sind. Es gibt keine schlechten oder falschen, gute oder richtige Gefühle. Sie sind einfach! Und ich darf sie so annehmen wie sie sind. Ohne mir darüber Gedanken machen zu müssen ob sie nun gut oder schlecht sind.

2. Annehmen
Der zweite Schritt ist das Annehmen. Das heißt, zu sich selber gleichsam sagen: Gefühl, du darfst sein! Also genau das, was ich mir nicht erlaubt habe. Ich habe zu mir gesagt: Franz, du darfst nicht ärgerlich sein, das passt nicht zu dir, das gehört sich nicht, du hast immer freundlich zu sein! Dies ist - nebenbei bemerkt - ein sehr unfreundliches Umgehen mit sich selbst, wenn man sich dauernd verbietet, dass Gefühle hochkommen. Also, dieser wichtige zweite Schritt ist das Annehmen. Die Gefühle annehmen und sich gleichsam selber sagen: Du darfst Dich so fühlen! Aber da kommt nun die große Schwierigkeit. Wir haben offensichtlich in uns so eine Art „Introjektion“, das heißt eingespeicherte Botschaften über Gefühle, die man haben darf, und die, die man nicht haben darf. Das geht wahrscheinlich auf frühkindliche Erfahrungen zurück, ebenso wie die Plus / Minus - Bewertung unserer Gefühle. So haben wir z. B. bei dem Gefühl Hass oder Ärger ein Minus (negativ) im Kopf; bei Freude ein Plus (positiv).
Mach' dir einmal eine Liste von Gefühlen und setze davor einfach ein Plus oder Minus, ohne lange nachzudenken. Du wirst merken, dass du bei den meisten Worten sehr schnell eine Wertung treffen kannst. Wie schon gesagt, haben wir seit frühester Kindheit gelernt, dass man manche Gefühle haben darf und andere nicht. Und das ist Unsinn, barer Unsinn! Denn Gefühle sind weder Plus noch Minus. Wenn ich meinen Ärger, meine Wut grundsätzlich wegschiebe, weil ich dieses Gefühl nicht haben darf, werde ich depressiv. Wichtig ist: Gefühle sind erst einmal wertfrei. Oder du kannst einfach sagen, sie sind erst einmal gut. Es gibt einen alten scholastischen Grundsatz: Alles Sein ist gut. - Gefühle sind Sein, also sind sie gut. Es ist sehr wichtig, dass du dir das klar machst. Denk' auch einmal daran, was uns in der Sexualerziehung an Negativem indoktriniert wurde, z. B. dass sexuelle Gefühle von sich aus schlecht sind, böse sind. Die Menschen haben diese Gefühle weggedrückt. Dadurch haben sie sich verstärkt. Die Menschen sind vor lauter unterdrückten sexuellen Gefühlen krank geworden, anstatt sich sagen zu dürfen: „Sexuelle Gefühle sind da, sie sind Ausdruck meiner Lebendigkeit.”

Also folgern wir aus dem zweiten Schritt: Gefühl, du darfst sein! Wenn Du etwa traurig bist, dann sag' Dir: „Ja, jetzt darf ich traurig sein.” Erlaube Dir das! Wenn Du es dir nicht erlaubst, dann geht das Gefühl ja nicht weg, es geht in die Verdrängung. Dort tobt es weiter und macht unter Umständen Dein ganzes Leben kaputt. Wenn Du dem Traurigkeitsgefühl die Erlaubnis gibst zu sein, dann wird es auch wieder fortgehen.

3. Integrieren
Wahrnehmen, annehmen und dann kommt das Dritte, und das ist ganz wichtig, das nenne ich integrieren oder „einverleiben“. Was heißt das? Der Mensch hat - wenn du dir einmal ein Dreieck vorstellst - Verstand, er hat Willen, und er hat Gefühl. Der Wille ist bei manchen Menschen nicht so stark entwickelt. Sie lassen sich einfach mehr oder minder treiben. Bei mangelndem Willen kann es zu Depressionen kommen. Wenn jemand nicht selbständig sagt: „Ich will dies oder das“ sondern sich dauernd von anderen schieben lässt, einfach so mit schwimmt, dann reagiert er meist mit Depressionen. Wenn Du Dich oft depressiv fühlst, dann frag' Dich doch einmal, ob Du nicht zu wenig mit Deinem Willen an Dein Leben herangehst, ob Du vielleicht zu wenig fragst: „Was will ich denn eigentlich?” Der Wille ist wie ein Pfeil - zielgerichtet.

Verstand, Wille, Gefühle und das Ganze ist eine Einheit, muss integriert werden. D.h. du musst deine Gefühle wahrnehmen, annehmen und dann musst du dir mit deinem Verstand überlegen, was ich mit dem Gefühl anfange?

Oder frag dich zunächst mal, woher kommt das Gefühl, warum bin ich jetzt so traurig? Ja, und dann setzt dein Verstand ein. Du kannst schauen, manchmal ist die Antwort ziemlich klar. Manchmal kann das ein wenig kompliziert sein, man muss etwas tiefer gucken, warum bin ich traurig. Aber wichtig ist, dass du den Verstand einschaltest, um zu klären, - warum fühle ich mich so. Und dann muss der Wille kommen, mit deinem Willen musst du überlegen, was du jetzt mit dem Gefühl machst. Nimm einmal an, du bist ärgerlich auf deinen Chef, du hast eine Stinkwut auf den, weil er dich angefahren hat. Du nimmst die Wut wahr, dann nimmst du sie an, aber dann überlege dir, um Gottes Willen, was du jetzt machst. Es ist wahrscheinlich nicht günstig, wenn du in deiner Vollwut zu dem Chef rein stürzt und ihm sagst: Sie sind eine ganz miese Type. Dann könnte es sein, dass du deinen Arbeitsplatz verlierst.

Überleg dir, was kannst du tun und dann nimm deinen Willen und lass dich nicht von deinem Gefühl wegschwemmen. In der Boulevardpresse, in den Illustrierten wird oft geschrieben, man muss die Gefühle raus lassen. So ein Unsinn. Als ob man immer jedes Gefühl raus lassen könnte. Das einzig Vernünftige, was ich beim Militär gelernt habe, war, dass man uns gesagt hat, dann schlaf erst eine Nacht darüber.

Wenn Du Dich über Deine Vorgesetzten beschweren willst, dann schlaf' erst eine Nacht darüber. Das scheint mir auch heute noch vernünftig zu sein. Das meiste andere, was ich dort gemacht habe, erscheint mir hingegen äußerst problematisch.

Eine Nacht darüber schlafen - denn dann kommen Gefühl, Verstand und Wille eher in Integration. Wenn Gefühle überschäumen, ist der Verstand ausgeschaltet und der Wille blockiert. Nachträglich sagt man sich dann: „Mein Gott, was war ich doch für ein Schafskopf, warum habe ich nicht ein bisschen gewartet.” Dieser dritte Schritt im Umgang mit den Gefühlen ist ungeheuer wichtig: Integrieren in die Gesamtpersönlichkeit. Dann wird die Persönlichkeit farbig, von den Gefühlen her kommt Lebendigkeit in den Menschen.

4. Ausdrücken
Der vierte und letzte Schritt ist das Ausdrücken der Gefühle. Manchmal ist dies möglich, manchmal nicht. Natürlich wäre es gut, wenn ich mein Gefühl, z. B. gegenüber dem Chef, ausdrücken könnte, wenn ich ihm am nächsten Tage sagen könnte: „Herr Soundso, das hat mich doch sehr geärgert, was Sie da zu mir gesagt haben. Ich fühle mich sehr zurückgesetzt.” Wenn das möglich ist, dann tu' es. Wenn nicht, dann nimm einen Tennisschläger und schlage auf die Matratze oder was immer dir geeignet erscheint. Sage aber nicht: „Das macht mir nichts aus.”, denn in Wirklichkeit kochst Du vor Wut.

Ich habe jetzt immer von Ärger gesprochen. Es gibt noch ein anderes Gefühl, das gerade in unseren Breiten - etwa in Deutschland und den USA - besonders schwierig auszudrücken ist: das ist Zärtlichkeit.

Wir haben mit dem Ärger und der Zärtlichkeit die größten Schwierigkeiten. Viele Eltern, viele Beziehungen kranken einfach daran, dass keine Zärtlichkeit ausgedrückt wird, dass man Angst davor hat, sie einmal deutlich zu machen. Damit nimmt man sich sehr viel von seiner Lebendigkeit.
Ihr könnt Euch vorstellen, dass der von mir geschilderte Weg von Wahrnehmen, Annehmen, Integrieren und Ausdrücken ein sehr viel anspruchsvollerer Weg ist, als fünf Flaschen Bier zu trinken oder drei „Tranxilium“ zu nehmen. Der Weg ist anstrengender, aber er macht den Menschen zum Menschen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand, der gelernt hat, mit seinen Gefühlen konstruktiv umzugehen, wieder zur Flasche oder zu den Pillen greift. Aber wenn einer das nicht gelernt hat und weiterhin seine Gefühle versteckt, verdrängt, besteht eine große Gefahr, dass er, wenn er so richtig wütend ist, sagt: „Ist doch sowieso alles Mist!” und wieder trinkt.

Aber es ist nicht die Frage einer Schönheitsoperation, wenn ich darüber spreche, sondern das ist letztlich eine Frage, wie kann ich trocken bleiben. Ich wünsche euch, dass ihr lernt, mit euren Gefühlen umzugehen. Damit euer Leben glücklicher wird und damit ihr trocken und letztendlich nüchtern bleibt.

DER GRIFF ZUR FLASCHE IST DER GRIFF NACH LIEBE!